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Stolpersteinverlegung 2024

Alfred Bodenheimer wurde am 21. September 1883 in Niederhochstadt, heute Hochstadt, in der Pfalz geboren. Zu seiner schulischen Laufbahn ist bekannt, dass er nach der Absolvierung der Volksschule die Realschule in Landau besuchte. Anschließend begann er eine Lehre in dem Konfektions- und Schuhhaus der Gebr. Dreyfuß in Landau. Danach wurde er kaufmännischer Angestellter im Geschäft seines Bruders Hugo Bodenheimer in St. Ludwig (Elsass), heute St. Louis. Diese Anzeige im Oberländer Boten vom 4. März 1910 nimmt Bezug auf das Geschäft seines Bruders Hugo Bodenheimer in St. Ludwig.

Die Gelegenheit, sich eine selbständige Existenz aufzubauen, bot sich Alfred Bodenheimer, als in der Teichstraße / Ecke Basler Straße ein Ladenlokal frei wurde. Das Schuhhaus Karl Kaufmann sollte im März 1910 das Schuhhaus Alfred Bodenheimer werden.

An der Fassade des Hauses Dreikönig hat sich seither wenig geändert. Heute befindet sich an gleicher Stelle das Modehaus Kilian.

Teichstraße mit dem Schuhhaus Bodenheimer, ca. 1930. In einer retuschierten Fassung der gleichen Postkarte ist die Inschrift „Bodenheimer“ unter den Drei Königen entfernt worden.

Zeitungsannonce, Oberbadisches Volksblatt, 7. Sept. 1926Das Geschäft befand sich in einer Vorzugslage, und es war ein jüdisches Geschäft. Das wurde der Kundschaft stets deutlich, wenn in Zeitungsannoncen anlässlich der jüdischen „Hohen Feiertage“ auf Geschäftsschließungen hingewiesen wurde.

In der Israelitischen Gemeinde genoss Alfred Bodenheimer hohes Ansehen. Am 9. April 1930 teilte der Synagogenrat Lörrach dem Bürgermeisteramt mit:
„An Stelle des Herrn Simon Joseph wurde bei den Synagogenratswahlen Herr Alfred Bodenheimer zum Vorsteher der israel. Gemeinde gewählt.“[1]

Alsbald sah sich der neue Gemeindevorsteher in Auseinandersetzungen mit dem späteren NS-Bürgermeister Reinhard Boos, der bereits vor 1933 für die NSDAP im Lörracher Gemeinderat saß. Es ging um das Schächten im Lörracher Schlachthaus und den Verkauf von koscherem Fleisch. Einstweilen obsiegte Bodenheimers Standhaftigkeit.[2]

Bemerkenswert ist auch Bodenheimers Agieren nach Beginn der NS-Herrschaft in Lörrach. Er beauftragte den Studienrat Alfred Bloch mit der Erforschung der Geschichte der Lörracher Juden. Es entstand die bis dato erste umfassende Geschichte der israelitischen Gemeinde Lörrachs.[3]

Unterdessen verzeichnete das Schuhhaus Bodenheimer einen Umsatzrückgang, nicht zuletzt als Folge antisemitischer Boykotthetzte. Zudem häuften sich die Außenstände. Ein Teil der Kundschaft spekulierte wohl darauf, dass Bodenheimer angesichts der restriktiven Maßnahmen der Nationalsozialisten gegenüber den Juden davon absehen würde, bestehende Schulden einzutreiben. Und dann kündigte ihm die Schuhfirma Salamander das Vertriebsrecht. Im Frühsommer 1938 begann die zwangsweise Registrierung jüdischer Geschäfte. Ihre endgültige Auflösung fiel zeitlich zusammen mit den Ausschreitungen des „reichsweiten“ Pogroms vom 10. November 1938. Im Verlauf jenes Tages wurde auch Alfred Bodenheimer, wie alle erwachsenen jüdischen Männer, in Haft genommen und in das Konzentrationslager Dachau eingewiesen. Vorgeblich geschah dies zu ihrem eigenen Schutz, tatsächlich aber um ihre Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland zu beschleunigen. Alfred Bodenheimer, seine Ehefrau Martha und die Kinder Siegbert und Ingeborg erhielten Einreisevisa für die Vereinigten Staaten. Die Familie setzte am 17. Mai 1939 von Cherbourg aus nach New York über.

Im Lörracher Wohnhaus der Familie in der damaligen Adolf-Hitler-Str. 260 – heute ist es die Tumringer Str. 260 – blieben Alfred Bodenheimers 84-jährige Mutter Friederike, seine Schwiegermutter Babette Model und seine Schwester Clementine Mayer zurück. Sie alle wurden am 22. Oktober 1940, gemeinsam mit den noch verbliebenen Lörracher Jüdinnen und Juden, auf dem damaligen Marktplatz vor der dortigen Handelsschule auf Planwagen mit Holzbänken verladen, um von Freiburg aus mit der Bahn ins unbesetzte Frankreich deportiert zu werden. Eine mehrtägige Irrfahrt endete in dem von der Vichy-Regierung geführten Holzbarackenlager Gurs. Im August 1942 begann die Regierung Laval mit der Räumung der Lager, um die dort noch befindlichen Internierten im Sammellager Drancy im Norden von Paris der SS auszuliefern. Friederike Bodenheimer, Babette Model und Clementine Mayer entgingen diesem Schicksal. Wie das geschah, ist eine noch zu schreibende Geschichte.

Alfred Bodenheimer verstarb am 22. November 1951 in New York im Stadtteil Queens.

Autoren: Ulrich Tromm, Kai Bühler

Quellen aus dem Stadtarchiv Lörrach, dem Staatsarchiv Freiburg sowie aus Privatbesitz

  • [1] Staatsarchiv Freiburg, G 547/1 8756.
  • [2] StaLö VIII/3/17.
  • [3] Alfred Bloch, Aus der Vergangenheit der Lörracher Juden; in: Unser Lörrach 1979,1980 und 1981.

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