„Echoes from the Past“ - Der Zeitzeugenbericht von Janina Bazan, geb. Kusowska (1927–1998)
Der Bericht „Echoes from the Past“ basiert auf den Erinnerungen von Janina Kusowska, verheiratete Bazan. Ihre Tochter Irene Bazan Waller zeichnete die Erinnerungen ihrer damals etwa 68-jährigen Mutter in rund 24 Stunden auf Tonband auf. Janina Bazan erzählte auf Polnisch von ihrer Kindheit, der deutschen Besatzung Polens, ihrer Verschleppung zur Zwangsarbeit und ihren Erfahrungen in Lörrach und Müllheim. Aus diesem Material entstand ein englischsprachiger Bericht, der im April 1995 an der Wayne State University in Detroit veröffentlicht wurde. Ein Exemplar befindet sich in der Nationalbibliothek Israels.
Irene Bazan Waller wollte damit die Lebensgeschichte ihrer Mutter für kommende Generationen bewahren. Im Vorwort schreibt sie, die Geschichte ihrer Mutter sei zugleich eine Allegorie des menschlichen Geistes, der dem Bösen entgegentrete und es überwinde. Während und nach der Veröffentlichung nahm sie Kontakt zu den Stadtverwaltungen von Lörrach und Müllheim sowie zum Stadtarchiv Schopfheim auf. Die Stadt Müllheim erhielt den vollständigen Bericht. Auch der frühere Leiter des Markgräfler Gymnasiums, Rolf Schuhbauer, fertigte eine deutsche Zusammenfassung an.
Kindheit in Polen und Verschleppung
Janina Bazan wird am 28. Juli 1927 in Kamień Koszyrski im damaligen Polen geboren. Sie wächst mit ihren Eltern und mehreren Geschwistern in einfachen Verhältnissen auf. Die Familie lebt von Landwirtschaft und Viehzucht. Nach dem frühen Tod ihres Vaters heiratet ihre Mutter erneut. Janina muss die Schule verlassen und Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister übernehmen. Von ihrer Mutter lernt sie den Umgang mit Heilkräutern und die Pflege eines Gartens – Kenntnisse, die sie ihr Leben lang bewahrt.
Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 wird ihre Heimat zunächst von der Sowjetunion und ab 1942 von der Wehrmacht beherrscht. Die Familie wird von den Deutschen verschleppt und in Viehwaggons nach Riwne gebracht. Von dort werden die Angehörigen zur Zwangsarbeit nach Süddeutschland deportiert. Zwei Brüder entgehen zunächst der Deportation. Über den weiteren Lebensweg eines Bruders gibt es widersprüchliche Angaben; Dokumente des Roten Kreuzes belegen jedoch, dass er zunächst als tot galt und später lebend aufgefunden wurde.
Zwangsarbeit in Lörrach
Bei der Ankunft in Lörrach werden die Deportierten kontrolliert, entkleidet und gedemütigt. Janina werden persönliche Gegenstände und mitgebrachte Fotografien abgenommen. Ein deutscher Offizier bringt die 15-Jährige zur Familie Meissner in der Blücherstraße. Hausherr ist Erich Meissner (1901–1945), Chemiker bei der KBC, seit 1932 NSDAP-Mitglied, später Angehöriger der Waffen-SS und als Grenzpolizist Teil der Gestapo.
Nach dem Krieg wird er von der Spruchkammer als „Hauptschuldiger“ eingestuft. Ihm wird die Beteiligung an Massenerschießungen auf der Krim vorgeworfen. Zeugenaussagen und Fotografien sollen belegt haben, dass er über die Verbrechen berichtete und Bilder von Erschießungen und Massengräbern zeigte.
Janina beschreibt das Leben in der Familie Meissner als streng und von Angst geprägt. Sie muss im Haushalt arbeiten und erlebt die nationalsozialistische Ideologie unmittelbar. Im Wohnzimmer hängt ein Hitler-Porträt, vor dem Meissner regelmäßig den Hitlergruß zeigt. Die Kinder müssen den Eltern gehorchen und erfahren wenig Zuneigung. Janina berichtet zudem von möglichem Raubgut und einem Korb mit menschlichen Schädeln, den eine Tochter eines Abends im Haus gesehen haben will.
Die Zwangsarbeit ist körperlich extrem belastend. Ende 1943 wird Janina zum Bau von Befestigungsanlagen am Westwall geschickt. Ohne ausreichende Kleidung und Schuhe erkrankt sie an Tuberkulose und verliert einen Teil ihrer Lunge. Später wird sie als zu 40 Prozent arbeitsunfähig eingestuft. Meissner versucht außerdem, sie zur Kennzeichnung als „OST“-Arbeiterin zu zwingen. Janina weigert sich. Nach ihren Erinnerungen bedroht Meissner sie mit einer Pistole und drückt ab. Warum sie Anfang 1945 für knapp zwei Wochen im Gerichtsgefängnis Lörrach inhaftiert war, lässt sich nicht eindeutig klären.
Sechs Wochen vor Kriegsende soll Meissner Janina in ein SS-Erholungsheim geschickt haben, wo sie nach ihrer Darstellung als Sex-Zwangsarbeiterin eingesetzt werden sollte. Ihr gelingt die Flucht nach Schopfheim. Dort wird sie versteckt und entgeht der Verfolgung. Ihre Mutter, die 1944 eine zweite Tochter zur Welt gebracht hat, arbeitet in Wiechs (Schopfheim) bei einer Landwirtin, die dem NS-Regime kritisch gegenübersteht.
Kurz vor dem Ende des Krieges wird Erich Meissner beim Einmarsch französischer Truppen in seinem Wohnhaus erschossen. Nach den vorliegenden Unterlagen soll er bis zuletzt bewaffnet gewesen sein und durch Schüsse aus seinem Haus die Stadt zusätzlich gefährdet haben. Ihm wird außerdem die Beteiligung an der Ermordung polnischer Zwangsarbeiter zugeschrieben. Ob er für die Erschießung britischer Piloten am Stauwehr Kembs verantwortlich war, ist nicht eindeutig geklärt.
Müllheim und die Zeit nach der Befreiung
Nach Kriegsende kommen ehemalige Zwangsarbeiter*innen aus dem Landkreis Lörrach in die Teschner Kaserne in Müllheim, wo ein „Polenlager“ eingerichtet wird. Rund 5.000 Menschen leben in der ursprünglich für etwa 1.500 Soldaten errichteten Kaserne. Mehrere Familien müssen sich kleine Räume teilen. Die Versorgung ist schlecht, Lebensmittel sind teilweise verdorben, Seife und andere Dinge des täglichen Bedarfs fehlen.
Die schwierigen Lebensbedingungen zeigen sich auch auf dem sogenannten Polenfeld des Müllheimer Hauptfriedhofs. Dort werden 57 polnische Kinder sowie weitere ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bestattet. Viele der nach Kriegsende geborenen Kinder sterben infolge schlechter Versorgung.
Am 10. November 1945 heiratet Janina Mieczyslaw Bazan. Die Hochzeit findet nach polnischem Brauch statt. Für seinen gebrauchten Hochzeitsanzug gibt Mieczyslaw sein Fahrrad her; Janina fertigt ihr Hochzeitskleid selbst. Am 19. Februar 1949 wandert die Familie nach Brasilien aus. Janina gilt zu diesem Zeitpunkt als staatenlos.
Erinnerung und offene Fragen
Nach dem Krieg erstellen zahlreiche Personen Meissner sogenannte Persilscheine aus. Seine Ehefrau Katharina bestreitet 1950 die gegen ihren Mann erhobenen Vorwürfe und erklärt, er habe lediglich wie „viele Millionen anderer Deutsche“ Befehle befolgt. Das Haus der Familie Meissner war bis 1938 im Besitz der jüdischen Familie Epstein und wurde unter Bedingungen der NS-Verfolgung von Meissner erworben. Nach dem Krieg wurde das Haus restituiert.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum Janina Bazan nach dem Krieg und vor allem nach der Veröffentlichung ihrer Erinnerungen nicht als Zeitzeugin einbezogen wurde. Die Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter stellen im Landkreis Lörrach und der Region Müllheim die größte Betroffenengruppe der NS-Verfolgung dar. „Echoes from the Past“ dokumentiert die Verschleppung polnischer Zivilistinnen und Zivilisten, die Bedingungen der Zwangsarbeit und das Leben im Lager nach 1945. Zugleich eröffnet er einen Einblick in die Perspektive eines polnischen Mädchens, das nationalsozialistische Gewalt unmittelbar erlebt hat. Dass Janina Bazan nicht als (Zeit-)Zeugin wahrgenommen wurde, verweist folglich auf eine große Lücke in der Erinnerungskultur dieser Region.
Autorin: Kathryn Babeck
Zum Herunterladen: Die lange Version des Zeitzeugenberichts (pdf)
Quellen
- Echoes from the past: the story of Janina / Irene Bazan Waller, April 1995, Stadtarchiv Müllheim im Markgräflerland, B. Archivbibliothek. Biografien, Vorwort.
- Staatsarchiv Freiburg D 180/18 Nr. 9044.
- Arolsen Archives