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Die Stolperschwelle vor der JVA Lörrach umgeben von weißen Rosen zur Erinnerung an die Opfer der NS-Diktatur.

Stolperschwelle Das Lörracher Gerichtsgefängnis

Am 20. Mai 2025 wurde vor den Toren der heutigen Lörracher Justizvollzugsanstalt in der Bahnhofstraße 4 eine Stolperschwelle im Gedenken an deportierte Jüdinnen und Juden aus dem damaligen Lörracher Gerichtsgefängnis verlegt.

Einträge und Austragungen im Register des Lörracher Gerichtsgefängnisses: Die Verfolgung von Jüdinnen und Juden

Wortbeitrag anlässlich der Stolperschwellen-Verlegung vor dem Lörracher Gefängnis am 20. Mai 2025

Das Lörracher Gefängnis dürfte sich in der Zeit der nationalsozialistischen Willkürherrschaft kaum von anderen Gerichtsgefängnissen im Land unterschieden haben. Es gab Insassen, die dem ideologischen Rechtsverständnis der NS-Justiz unterworfen waren, und andere, die als Gestapo-Häftlinge völlig rechtlos gestellt waren. Als Besonderheit machte sich die geographische Lage des hiesigen Gerichtsgefängnisses vor allem bei einer Opfergruppe bemerkbar.

Vor 90 Jahren sorgten die „Nürnberger Gesetze“ für eine Änderung der deutschen Verfassungswirklichkeit: Jüdinnen und Juden wurden ausgegrenzt. Es folgte eine Phase der Verdrängung dieses Teils der Einwohnerschaft aus Nazi-Deutschland. Ihren vorläufigen Höhepunkt fand diese Phase in der sogenannten Kristallnacht: Vielerorts wurde jüdischer Besitz zertrümmert, und Synagogen wurden niedergebrannt oder – wie in Lörrach – verwüstet. Im Zuge dieses Pogroms füllte sich das hiesige Gefängnis mit allen jüdischen Männern, derer Gestapo und Schutzpolizei im Laufe des 10. November 1938 in Lörrach habhaft wurden.

Die Verhaftungswelle begann gegen 10 Uhr vormittags. Unter den ersten, die in das Gefängnis hier gebracht wurden, waren Kurt und Bernhard Loeb aus Lörrach-Stetten. Zeitgleich wurde um 10 Uhr 16 auch Arthur Juliusberger eingeliefert; er wohnte nur wenige Schritte von hier in der Turmstraße 18. Insgesamt rund 30 Männer wurden noch am Abend des 10. November in das Konzentrationslager Dachau verbracht. Wer von ihnen vorzeitig aus dem KZ entlassen werden wollte, musste eine Bedingung erfüllen: Er musste die alsbaldige Ausreise aus Deutschland nachweisen können.

Etwas anders ging die hiesige Gestapo mit Jüdinnen und Juden um, die aus Österreich stammten. Adolf Hitler hatte seine alte Heimat inzwischen mit Hilfe der Wehrmacht und willfähriger Österreicher an Deutschland „angeschlossen“, und so finden sich in den Lörracher Gefangenenbüchern auch die Namen nicht weniger Jüdinnen und Juden von dort, vor allem aus Wien. Wie die Riehener Publizistin Lukrezia Seiler eindrücklich beschrieben hat, leistete die hiesige Gestapo bei ihnen damals tatkräftige Fluchthilfe: Es handelte sich um nichts weniger als den Versuch der verdeckten Massenabschiebung österreichischer Jüdinnen und Juden in die Schweiz.

Allerdings wies die Eidgenossenschaft alle sogenannt „rassischen“ Flüchtlinge, die in ihrem Grenzbereich aufgegriffenen wurden, in der Regel zurück. Knapp zwei Wochen nach der NS-deutschen Pogromnacht spielte sich daher in unserer Gegend ein weiteres Drama ab, diesmal von der schweizerischen Seite der Grenze aus. Daran erinnert seit dreieinhalb Jahren eine Stolperschwelle in Riehen direkt am Grenzübergang, auf der es heißt:

„Von hier aus wurden 13 Jüdinnen und Juden am 23. 11. 1938 von Schweizer Polizisten und Grenzwächtern der Gestapo ausgeliefert. [...]“

Ihre Namen sind in einem der Lörracher Gefangenenbücher verzeichnet.

Ab Oktober 1941 verschlechterte sich die Situation in „Großdeutschland“ (also Deutschland und Österreich) weiter. Gegenüber den Jüdinnen und Juden und allen, die den Nazis als solche galten, wurde nunmehr ein Ausreiseverbot verhängt. Zudem begannen die Deportationen „in den Osten“, wie man pauschal sagte. Das hieß zunächst: Die Betroffenen wurden zwangsweise in bereits geschaffene Ghettos verfrachtet; diese lagen in den von der Wehrmacht eroberten Gebieten – insbesondere Polen, Weißrussland und baltische Staaten. Später brachten Züge und LKWs die Betroffenen dann direkt in die Vernichtungslager.

Um der Deportation zu entgehen, blieben – außer dem Freitod, den manche in höchster Verzweiflung wählten – nur zwei denkbare Möglichkeiten:

Erstens Untertauchen – aber das war äußerst heikel; zweitens Fliehen – über die Grenze in die Schweiz – aber das war nicht minder riskant.

Die Schweiz war zu dieser Zeit das einzige an Deutschland grenzende Land, das nicht entweder von der Wehrmacht besetzt war oder von einer faschistischen Regierung geführt wurde.

Jeder Eintrag von Jüdinnen und Juden in den Lörracher Gefangenenbüchern belegt nunmehr einen misslungenen Fluchtversuch über die eidgenössische Grenze. Mit ihrer Verhaftung zerbrach ihr Traum von Zuflucht in der Schweiz. In der Spalte der Austragungen in den Gefangenenbüchern deutet sich das weitere Schicksal dieser Menschen an:

Die Regel war die Überstellung an sogenannte Stapo-Leitstellen, die die weitere Deportation veranlassten. Es sind aber auch Deportationen aus dem Lörracher Gefängnis direkt ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz belegt – etwa die Deportation der aus Rotterdam geflüchteten Brüder Rudolf, Eduard und Walter Gutmann. Sie waren am 14. August 1942 nach Mitternacht ins hiesige Gerichtsgefängnis eingeliefert worden. Der Austrag lautet:

„11. 12. 42, 10 Uhr, überf[ührt nach] Auschwitz“.

Autor des Textes: Jürgen Krause

Stolperschwellen in Lörrach

Die Stolperschwelle für deportierte Jüdinnen und Juden aus dem Lörracher Gerichtsgefängnis ist die dritte verlegte Stolperschwelle. Seit 2018 erinnert die Stadt Lörrach mit Stolpersteinen an die Opfer nationalsozialistischer Gewalt. Aus dieser Initiative entstand die Idee, auch größeren, namentlich nicht bekannten Opfergruppen zu gedenken – mit sogenannten Stolperschwellen. Diese rund 50 cm breiten Messingtafeln wurden vom Künstler und Stolpersteininitiator Gunter Demnig entwickelt und werden ebenso wie die Stolpersteinmessingtafeln im Boden verlegt. Sie stehen für die Verantwortung jedes Einzelnen, sich für ein respektvolles und menschenwürdiges Miteinander einzusetzen.

Weitere Informationen

Medienmitteilung zur Verlegung der Stolperschwelle am 20. Mai 2025

Stolpersteine in Lörrach auf dem interaktiven Stadtplan

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